Ich hätte nie gedacht, dass es irgendwann so weit ist. Aber ich muss wohl gestehen: Ich spiele Golf. Gut, “spielen” ist eine weite Definition. Aber der Reihe nach:
Die Einstiegshürde ist jedoch hoch. Ich besitze kein Auto, wohne mitten in der Stadt und habe keine golfspielenden Freunde oder Bekannte (zumindest nicht auf Anfängerniveau). Als ich vor gut 2 Jahren dann erstmals bei einem Profi-Turnier, den European Championships nahe Lüneburg, als Zuschauer vor Ort sein durfte war dann aber klar: Das will ich auch probieren.
Also angemeldet. Schließlich benötigt man ja erstmal einen Führerschein: Die Platzreife. Diese bietet so ziemlich jeder Club an (es bringt schließlich Geld und neue Mitglieder). Ich entschied mich für eine sehr günstige Möglichkeit, noch dazu mit dem Versprechen, schon nach zwei Wochenenden den begehrten Schein in Händen zu halten. Gesagt, getan und irgendwie habe ich dieses Ding dann auch bekommen.
Was ich damals schon gemerkt habe: Das ist nicht mein Sport. Ich bin nicht unsportlich, aber mir liegen eher die Sportarten, bei denen ich direkten Körperkontakt mit dem Spielgerät habe. Den Ball an Hand oder Fuß, dann klappt das schon irgendwie. Sobald ein Schläger dazwischen ist, wird es schwierig. Tischtennis geht noch, Padel ist ok, Badminton schon fast ein Ding der Unmöglichkeit. Tennis habe ich nicht probiert.
Aufgeben ist natürlich nicht. Und da noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, muss das doch auch bei mir irgendwann etwas werden, dachte ich zumindest. Üben ist aber gar nicht so einfach. Der Weg zu einem Club benötigt ein Auto, in meinem Fall Mietwagen bzw. Carsharing. Dann die Kosten für einen Zeitslot auf der Abschlagmatte oder dem Übungsplatz. Achja, und Schläger hatte ich natürlich auch nicht. Also in den nächstbesten Club, der das Spielen ohne Mitgliedschaft ermöglicht, gefahren und dort das erstbeste Schlägerset gekauft. Direkt auf die Runde und natürlich keinen einzigen Ball getroffen.
Tja, und daran hat sich auch ein knappes Jahr später eigentlich nichts verändert. Ich habe immer noch das billige Schlägerset, miete mir halbwegs regelmäßig ein Auto und versuche es einfach immer und immer wieder. Jedes Mal eine horrende Startgebühr zu entrichten geht ganz schön ins Geld, deshalb bin ich mittlerweile Mitglied in einem Club 30 Kilometer nördlich von Hamburg. Dort habe ich natürlich auch noch an ein paar Übungsstunden teilgenommen. Und was soll ich sagen: Mittlerweile fliegt der Ball sogar ab und an, noch immer viel zu selten und Talent kann man mir nun wirklich nicht nachsagen, aber ich bleibe dran.
Doch warum? Irgendwie hat mich der Ehrgeiz gepackt, trotz 0,0 Talent diese Sportart zumindest halbwegs zu beherrschen. Wenn weltweit Millionen von Menschen, viele in hohem Alter, das können, dann muss das für mich doch auch möglich sein. Gerade das motiviert mich. Und ich störe dabei ja niemanden. Anders als in Mannschaftssportarten oder mit direktem Gegenspieler, ziehe ich für Andere das Niveau nicht nach unten. Niemand hat ein schlechtes Spiel oder einen schlechten Nachmittag, weil ich dabei bin.
Viel wichtiger aber: Golfen lässt alles andere vergessen. Kein Gedanke an die Arbeit, an die noch zu erledigenden Dinge, an die Tagesschau von gestern Abend. Golf ist die perfekte Parallelwelt. Der kleine weiße Ball, der immer gleiche Schwung und das Hinterhertrotten nachdem man den Ball mehr oder weniger gut erwischt hat. Mal voller Ärger und den Gedanken, was am nächsten Schlag verändert werden muss, mal voll Euphorie und Freude über einen getroffenen Ball, der sich auch noch für die richtige Richtung entschieden hat.
So war ich heute (Mitte März) bereits das vierte Mal in diesem Jahr auf dem Platz. Zum ersten Mal übrigens für 18 Loch bzw. 2x 9 Loch. Nach der ersten Runde wollte ich direkt nach Hause fahren, so schlecht war es, die zweite Runde war von der Anzahl der Schläge zwar nicht besser, fühlte sich aber ab und an schon wie echtes Golf an.
Eigentlich ja auch egal. Ich werde nicht aufgeben. Zu groß ist die Motivation, irgendwann ein halbwegs akzeptables Spielniveau zu erreichen. Vor allem aber ist es die Auszeit für den Kopf, dazu viel Zeit an der frischen Luft und natürlich Bewegung. Es ist schizophren, doch die Stunden voller unerfülltem Ehrgeiz und Ärger über missglückte Schläge sind die wundervollste Auszeit, die ich mir nur vorstellen kann. Und dann kann es ja nicht so schlecht sein.

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